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Taeglich
Brot

von Gesine Danckwart
Gesine Danckwarts erfolgreiches Stück über eine Ordnung, die sich
ausschließlich über Arbeit oder Nicht-Arbeit definiert, kehrt in seiner
italienischen Erstaufführung an die Sophiensæle zurück. Danckwarts Text
ist eine bissig-ironische Partitur für die Kopfwelten eines Quintetts,
das sich ein Bild vom Leben herbeiredet und doch in seinem
Selbstmanagement gefangen ist in Karrieremodellen und Rollenklischees.
"Im Theaterhaus in Jena steht unterm riesengroßen Palmenpanoramaposter
ein schwimmbadblaues Wasserbecken, knöcheltief gefüllt, am Grund durch
Klebstreifen gegliedert und bestuhlt. Auf den Stühlen kauern, jeder
artig in seiner Bahn, Menschen, die in feingerippter weißer Unterwäsche
ausschauen wie frisch geschlüpfte Küken und debile Namen tragen: Gala,
Ela, Nelke, Sesam, Ulrich. Sie singen leise klagend Ludwig Uhland-Verse,
vom «ersehnten Ruhetal». Doch grabesstilles Ruhetal ist nicht, nicht
hier im kühlen Pool. Glocken schrillen, und von oben klatschen
eingeschweißte Pakete mit Klamotten auf das Wasser. Das Morgengrauen.
Ein ganz normaler Alptraumtag beginnt, den Gesine Danckwart in «Täglich
Brot» fünf Frauen und Männer vom Erwachen bis zum Lichtausknipsen
hindurch sprechdenken lässt...
Gesine
Danckwart, Jahrgang 1969, hat fünf Stimmen zu Jobs und Karrieren
ineinander komponiert, über Löhne der Angst und wofür man sie ausgibt,
zum Beispiel für die «Ich-gönn-mir-wirklich-etwas-Creme», zu Leere und
Einsamkeit, sei es mit Arbeit oder ohne. Allermeistens in sich selbst
gekehrt autistisch, manchmal kalt distanziert in der dritten Person,
selten schüchtern dialogisch. Wären nicht soviel leichte Musikalität und
Sprachwitz im Spiel, womöglich entstünde ein herzzerreißendes
Schreckensbild der sich freiwillig selbst knechtenden Seelen im
Kapitalismus. Indes spinnen Judica Albrecht, Rosa Enskat, Thordis König,
Christian Heller und Victor Calero die Konturen fort, die «Täglich Brot»
den Figuren verleiht, erfinden der Powergeschäftsfrau ein nervös böses
Gestenrepertoire, der Servicekraft geerdete Leck-mich-am-Arsch-Selbstsicherheit,
dem Arbeitslosen stumpfes, aber niemals jämmerliches Stieren. Managerin,
Servicekraft, Arbeitsloser - das klingt konkret und geht doch eigentlich
bereits zu weit: Man sieht den Spielern beim Skizzieren ihrer Rollen zu..."
"Gesine Danckwart ist eine hundertprozentige Theaterfrau. Nicht nur weil
sie, aufgewachsen auf einem Dorf bei Lübeck, schon «in jungen Jahren» in
Wien am Theater in der Josefstadt hospitiert, am Burgtheater und in
Mülheim bei Roberto Ciulli assistiert und dann in Berlin an der Freien
Universität Theaterwissenschaft, Germanistik und Publizistik studiert
hat. Sondern vor allem, weil sie im Berliner Stadtraum-Eroberungsaufbruch
Anfang der neunziger Jahre selbst eine Off-Bühne gegründet und über fünf
Jahre lang mitgeleitet hat: das Theaterdock in der Lehrter Straße,
Berlin-Moabit, zwischen Frauenknast und Westhafen, eine experimentelle
Spielstätte auf einer Etage der «Kulturfabrik», hervorgegangen aus einer
Hausbesetzung. Gesine Danckwart hat dort anfangs selber Stromkabel
verlegt, dann inszeniert, geschauspielt, Spielpläne gestaltet - in der
tief ernpfundenen Überzeugung, auf der armen, aber freien, also
richtigen Seite zu stehen. Nebenher jobbte sie in der Szenekneipe "Obst
& Gemüse» gegenüber dem Tacheles, finanziell knapp überm Existenzminimum.
Rückblickend empfindet sie die damals heftige Aversion gegen das
Subventionstheater als «ideologisch». inzwischen habe sie gemerkt, «dass
an den großen und kleinen Häusern mit der gleichen Leidenschaft
gearbeitet wird wie im freien Theater».
Gegenwartsdramatik, neue Stücke schreiben: galt ihr lange Zeit als doof.
Danckwarts Theaterdock-Zeit 1991 bis 1996 fiel für sie zusammen mit dem
endgültigen Ende der bürgerlichen Theaterzertrümmerung, der
Dekonstruktion des überlieferten Kanons, der Infragestellung aller
Elemente des traditionellen Schauspiels. «Wir hatten Ideen wie: Kein
Drama, kein Konzept, kein Thema. Sondern Live-Theater. Haben uns immer
wieder eine Woche lang eingesperrt mit einem chaotischen Haufen von
Fremd-, Gebrauchs- und eigenen Texten und versucht, daraus Abläufe zu
bauen.»
Aus dem Scherbenhaufen sollte und musste irgendwann etwas Neues
entstehen, ganz pathetisch. Als Gesine Danckwart auch noch für den
LifeArt-Marathon «Quizoola!» mit den britischen Performern «Forced
Entertainment», zusammenarbeitete und feststellte, dass über
Improvisation ein auch formal interessanter Text entstehen kann, fing
sie 1997 endlich selber an zu schreiben: «Girlsnightout», ein frei
einzuteilender Redefluss für drei Schauspielerinnen, der leicht
angeschickert zwischen Körperproblemen, dogmatischen Wunschbildern und
weiblichen Männerphantasien hin- und herschwankt. Und natürlich fängt
das Neue nicht bei Null an - im Gegenteil, man stolpert in ihren Texten
ständig über das Mehr-Wissen der Zertrümmerungserprobten. «Realismus ist
nicht die Stärke von Theater», lautet die Einsicht, die dahintersteckt.
Wenn man ihre meist 20-seitigen Stücke hintereinander weg liest,
schwindet das Gefühl für die Grenzen der einzelnen Texte. «Überall in
der Badewanne wo nicht Wasser ist», «Traummaschine», «Girlsnightout», «Arschkarte»,
«Summerwine» - sie verschwimmen zu einem großen Monolog, «einem
Klagelied auf den modernen Menschen», wie es Danckwart selbst für «Täglich
Brot» vorschwebte und das sie dort vielleicht erst richtig eingelöst
hat...
«Es ist uns gelungen, am allerersten Abend wirklich alles zu besprechen.
Über unsere Exe und die Arbeit, die Trennung und die Zukunft und warum
man wie anders lebt und auch als man sich vorgestellt hat und ein paar
Ansichten und natürlich kannten wir auch den oder jenen gemeinsam (...)»
- so, wie «B, vielleicht eine B» in «Arschkarte» ein Date beschreibt, so
ähnlich sehen die Begegnungen mit Danckwarts Texten aus. Wo irgendwann
jemand einwirft: «Wir haben wieder viel zu viel geredet.» Und das
vielleicht deshalb, weil eine etwas unbeherrschte, verschwenderische
Liebesbeziehung zur Sprache vorliegt, manchmal auf Kosten inhaltlicher
Ökonomie und Präzision. Und auch wenn die Autorin extra betont, dass
jedem Stück eine durchdachte Struktur zugrunde liege, die Abfolge
keineswegs beliebig sei, «dass es sich nicht um irgendein Material oder
eine Improvisationsgrundlage handelt» bestätigt findet man das erst im
konzise gebauten «Täglich Brot»...
Was Danckwart tunlichst unterlässt: Sie baut in ihren Stücken weder eine
konkrete Situation noch eine Handlung oder klare Figuren auf, sondern
vernichtet diese immer wieder radikal - bis die Gliederung der Texte in
Repliken, vor denen manchmal ein Name oder auch nur ein verlorener
Buchstabe steht, wie Hohn und reine Willkür wirken. Ja, wer spricht, und
wo, zu welchem Zweck? Wenn sie schon nicht handeln oder miteinander
reden, erzählen die Figuren dann jeweils über sich? Oder sind sie
Verkörperungen desselben traurig prototypischen Subjekts? Unter dem
Druck von nicht genau zu lokalisierender Stelle, das Maximum an Leistung,
Schönheit, Genuss, Erfolg und selbstverständlich Einzigartigkeit aus den
eigenen Leben herauszupressen, verkrüppeln Danckwarts übersättigte
Großstädterinnen und -städter um die dreißig zu uniform Getriebenen.
Egal, ob es um Parties, Sex, Beziehungen oder Jobs geht: Es sind
formatierte Sehnsüchte und Paniken, die die Autorin in ihre geschmeidige
Platitüden-Prosa übersetzt. Platitüden, die sie, wie sie sagt, «in ihrer
Banalität mit Bedeutung auflädt» - um zu zeigen, «was weh tut» und so
die Oberflächen gegen sich selbst zu wenden. Einige von ihnen erkennt
man dann auch mit Ekel und Schrecken wieder, im eigenen Kopf..."
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GESINE
DANCKWART
geboren 1969
in Elmshorn und aufgewachsen auf dem Land bei Lübeck, arbeitete in
verschiedenen Funktionen an Theatern in Wien, Mülheim und Berlin. Neben
einem Studium der Theaterwissenschaften gründete sie eine Spielstätte
für freies Theater in Berlin, Moabit. Sie erhielt 1999 das Günter-Grass-Stipendium/Wewelsfleth
und 2000 ein Autorenstipendium der Stadt Berlin.
Gesine
Danckwart lebt und arbeitet als Autorin und freie Theatermacherin in
Berlin.
Theaterstücke:
Girlsnightout, UA:
16.4.1999, Theater Neumarkt, Zürich
DE:
16.3.2000, Niedersächsisches Staatstheater Hannover
Überall in
der Badewanne wo nicht Wasser ist, UA:
18.5.2000, Niedersächsisches Staatstheater Hannover
Traummaschine (2000), Arschkarte
UA:
2.12.2000, Junges Theater Göttingen
Summerwine ,UA:
1.3.2001, Forum Freies Theater, Düsseldorf
Täglich Brot, UA:
26.4.2001, Theaterhaus Jena (in Kooperation mit Sophiensäle Berlin, TIF
Dresden und Thalia Theater Hamburg)
(vertreten
durch den S. Fischer Verlag Theater&Medien, Frankfurt/Main
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