Kerstin Specht
Die Froschkönigin
Ein Küchenmärchen (1997)
Es war einmal eine Mutter, die war es müde zu leben. Der Ehemann tot, der Kuckuck auf den möbeln - sie wußte vor Schulden weder ein noch aus. In ihrer Not beschloß die Frau, sich umzubringen. Da bekämen die Kinder wenigstens das Geld aus der Lebensversicherung. Doch das Wasser war abgestellt, bevor man damit hätte Tabletten schlucken können! Als die arme Frau verzweifelt in der Küche saß, schneite plötzlich ein Mann zu ihr herein. Mutters persönlicher Märchenprinz. Was heißt hier Prinz? König sein Name. Stefan König. Auf englisch: Stephen King ... was nichts gutes bedeutet. Aber welche Frau denkt schon an Lug und Trug und Schwindelei, wenn einer so lieb wie Herr König ist, so aufmunternd, zärtlich, so ganz und gar da? Mutter nicht. Mutter glaubt. Mutter liebt. Mutter hofft sogar wieder. Mutter blüht auf wie ein welkes Pflänzchen unter Düngerzufuhr. Von der Küchenschabe zur Lebensberaterin. Von der grauen Maus zur sexy Lady. Von der Arbeitsbiene zur wachgeküßten "Froschkönigin". Und wenn sie nicht gestorben sind ... "Die Froschkönigin ist ein poetisch-komisches Schauerstück, das in einer bundesdeutschen Wohnküche spielt!
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Revolution in der Spießer-Küche
Kerstin Spechts "Froschkönigin": Ein absurdes Emanzipationsmärchen, in den Nürnberger Kammerspielen inszeniert von Antje Lenkeit
Die Szenerie löst Wiedererkennungsreflexe aus: braun gekachelte Wände, Resopaltisch, modrig riechende Wäscheschleuder, AEG-Herd, und aus dem Küchenfenster blickt man auf Eigenheim-Ödnis. In solch spießiger 70er-Jahre-Umgebung (Bühne: Nikolaus Porz) können sich nur Dramen der Langeweile abspielen - sofern man sich ins Vorort-Schicksal fügt und die Hausfrau brav den Boden wischt.

Doch sobald einem Bewohner diese kränkelnde Idylle bewusst wird, bleiben nur zwei Auswege: Endgültiger Abgang oder Ausbruch aus der Küchen-Konvention. Frau Ulla, die gräuliche Mutter in Kerstin Spechts Stück "Die Froschkönigin", hat sich für ersteres entschieden: Sie will Tabletten schlucken - und erstickt fast daran, weil kein Wasser aus dem Hahn kommt. Zufall oder Wunder? Jedenfalls kommt kurz darauf ein gewisser Herr König als Retter in der Not.

Ein wahrlich märchenhafter Einstieg in den Nürnberger Kammerspielen. Regisseurin Antje Lenkeit hat versucht, die sketchartige Küchengeschichte zwischen Realität und Absurdität changieren zu lassen. Das gelingt nur teilweise, denn der Auslöser des zweiten Lebens, das Frau Ulla nun beginnt, ist so oder so kaum glaubwürdig: Dieser Herr König, etwas blass gespielt von Stefan Lorch, ist nicht der Typ, für den man sein Leben ändert. Mit Cowboyhut und faden Komplimenten schafft er sich wundersam schnell Zugang zum empfindsamen Gemüt der Mutter, die bald das Kochen für die anspruchsvolle Brut aufgibt, ein Lebensberatungs-Büro eröffnet und sich rote Haare zulegt.

Kathrin Spinnler ist kaum wiederzuerkennen als Heimchen am Herd, doch die Wandlung zum lustvoll gespielten Vamp kommt im Handumdrehen. Kern der temporeichen Inszenierung ist die Auseinandersetzung mit Tochter und Sohn (rotzfrech und mit Elan gespielt von Anna-Maria Kuricová und Marco Steeger). Wie sehr jeder abhängig ist vom äußeren Image, wird klar, wenn das dreiste Gör trotz "Dalai-Lama-gelbem" Punk-Haar und linkischen Erotik-Versuchen sein Welt- und Mutterbild beibehalten will: "Wissen Sie, wie fürchterlich es ist, wenn man seine eigene Mutter nicht wiedererkennt?"

Lenkeit lässt Herrn König im dramaturgischen Vakuum hängen, betont dafür aber die Lust am Schein durch Spiele mit der Video-Kamera und Projektionen am Fenster. Das Stück, wie absurdes Volkstheater gebaut und untermalt vom schrägen Bläser-Trio, zerfasert zusehends, als auch noch Ullas Klienten mit ihren Lebenslügen daherkommen (Waldemar Stutzmann glänzt als korpulente Nachbarin, Hannes Seebauer ist vom Jagdfieber gepackt). Wenn schließlich die Figuren aus Ofen und Schränken herausschauen, die Kinder König als "Beischlafdieb" identifizieren und die Mutter sich nur noch triumphierend per Video meldet, dann findet das Emanzipationsmärchen ein schön absurdes Ende.

Katharina Erlenwein, NÜRNBERGER NACHRICHTEN

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Kerstin Specht

 

Geboren 1956 in Kronach (Oberfranken). Nach dem Abschluss des Studiums der Germanistik in München übernahm sie Regieassistenzen beim Bayerischen Rundfunk und absolvierte außerdem ein Schauspielstudium. Nach einem Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, das sie 1985 aufnimmt, beginnt sie für Theater zu schreiben. Die Stücke von Kerstin Specht gehören seit Jahren zum festen Repertoire des Theaters in Deutschland. Für ihre Arbeit ist Kerstin Specht mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet worden. Kerstin Specht lebt in München.

 

Preise und Auszeichnungen:

Stipendium des Literarischen Colloquiums Berlin 1988

Preis des Hessischen Literaturbüros Frankfurt am Main (Hungertuch-Preis) für "Das glühend Männla" 1989

Preis der Frankfurter Autorenstiftung 1989

Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. 1990

Staatlicher Förderungspreis des Landes Bayern 1990

Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Künste 1991

Stipendium des Deutschen Literaturfonds Darmstadt 1991

Else-Lasker-Schüler-Preis des Landes Rheinland-Pfalz 1993

Landespreis für Volkstheaterstücke des Landes Baden-Württemberg 1993

Kulturpreis der Oberfränkischen Wirtschaft 1996

Landespreis für Volkstheaterstücke des Landes Baden-Württemberg 2002

Deutscher Kindertheaterpreis 2002

 

Theaterstücke

"Lila"

UA Städtische Bühnen Nürnberg, 1990

"Das glühend Männla"

UA Schauspiel Bonn, 1990

"Amiwiesen"

UA Münchner Kammerspiele, 1990

"Der Flieger"

UA Ulmer Theater, 1992

"Mond auf dem Rücken"

UA Pfalztheater Kaiserslautern, 1994

"Carceri"

UA Münchner Kammerspiele, 1996

"Die Froschkönigin"

UA Württembergisches Staatstheater Stuttgart, 1998

"Herzkönigin"

UA Kleist Theater Frankfurt/Oder, 1998

"Schneeköniginnen"

UA Forum Stadtpark Graz/Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin, 2001

"Marieluise"

UA Stadttheater Ingolstadt, 2001

"Die Rückseite der Rechnungen (Marieluise. Ein Bericht)"

UA Münchner Kammerspiele, 2001

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TODAYS ZAMAN, 17 January 2007

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