FEUERGESICHTMarius von Mayenburg Kurt meint, sich an seine Geburt erinnern zu können. Dies ist Ausdruck seiner gesteigerten Emotionalität, seines Wunsches, nicht gefühlsmäßig zu erkalten wie seine Eltern. Er brennt innerlich, mit Vorsatz. Denn "Menschen sind leicht entflammbares Material." Der tückische Widerhaken im Stück: Kurt, der Sympathieträger, ist ein Psychopath. Ein Egoist, der sich in seiner abgeschotteten Egozentrik selbst zerstört. Er liebt seine ältere Schwester Olga. Verbrennt vor Eifersucht, als Paul auftaucht, mit seiner Schwester schläft. Er kokelt. Ganz normal, er pubertiert ja. Erst verbrennt 'ne Amsel. Dann die Schule. Bei einem Unfall bleibt eine Brandwunde, ein FEUERGESICHT, für Kurt eine Auszeichnung. Verwickelt Olga in seine pyromanischen Obsessionen. Bald brennt Fabrik und Kirche. Endlich: Die Alten werden geschlachtet. Sie waren so verständnisvoll. Aber verstanden nichts von ihrer Brut. Wollten nur das Beste - für sich: ein ruhiges Gewissen um des kleinen Friedens willen. Fiasko einer antiautoritären Erziehung. Marius von Mayenburgs Stück FEUERGESICHT handelt vom fieberigen Feuer des Inzest eines Geschwisterpaares, ihre Liebe kehrt sich in Gemeinheit und Zerstörung. Jugendliche Psychowraks und Generationskonflikt. Kein Frühlings Erwachen. Les Enfants terribles 1998, Mayenburg grüßt Cocteau. Kurzszenen, Szenensplitter, wenige Sätze lang, videoclipschnelle Schnitte. Ein atemberaubendes Stakkato zahnradartig ineinandergreifende Dramaturgie. Voll unterkühlter Hitze, die Sprache lakonisch knapp. Monologe, Kommentare, alle Seiten der Familientragödie beleuchtend. Dafür bekam Marius von Mayenburg 1997 Kleist-Förderpreis Frankfurt/Oder und Preis der Frankfurter Autoren-stiftung 1998. ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Amokläufer des AlltagsMarius von Mayenburgs „Feuergesicht“ in München uraufgeführt Die gemeine bürgerliche Familie, das ist ein teuflisches Labyrinth aus Spiegeln, Türen, langen Gängen, aus Liebe, Haß und Enge. Wer da hineingeschickt wird, um das Dunkel zu erkunden, der streicht vielleicht erstmal vorsichtig durch die Flure, in denen die Mütter und Töchter, die Väter und Söhne hausen; der begegnet auf seinen Expeditionen immer mal wieder jemandem, der ihm bekannt vorkommt: es ist das Gesicht, das ihn morgens beim Zähneputzen angafft; und wer ein bißchen neugieriger und vielleicht auch mutiger ist, der klopft schon mal an die eine oder andere Tür, um zu schauen, was sich denn eigentlich in den finsteren Kammern verbirgt. Aber hinter diesen Türen, da lauert nicht nur das ganz normale Grauen, da warten perfiderweise auch Erklärungen, um sich auf den Burschen zu stürzen. Verschreckt schlägt der die Tür schnell wieder zu. Nichts also mit den Schatten der Vergangenheit, kein 68er-Krimskrams, kein „Die Familie als Gefängnis der Frau“, keine Unterdrückungsmaschinerie, keine Psychologie, keine Soziologie, keine Bigotterie, keine öden Begründungsversuche – nur ein bißchen ödipale Verstrickung. Recht fern all solcher Erklärungsmuster hat der vielgepriesene Jungautor Marius von Mayenburg sein Stück „Feuergesicht“ geformt, hat aus diesem Urgrund alles Erzählens kühle, knappe Skizzen herausgeschält und Figuren gefunden wie Laborratten mit einer schwer bestimmbaren Sehnsucht: ein unbeholfenes Elternpaar und zwei inzestuös verwachsene Geschwister, Olga und Kurt, die sich an denen rächen, die sie in die Welt geworfen haben. Amokläufer des Alltags sind das, die da bei der Uraufführung im neuen Spielort der Münchner Kammerspiele, der Schreinerwerkstatt, zu betrachten sind, ein bißchen böse, ein bißchen bieder, ein wenig fremd und doch wohl bekannt. Und wie Mayenburg interessiert sich dabei auch der junge Regisseur Jan Bosse kaum für Erklärungen oder Deutungen – was ja nicht falsch sein muß, im Gegenteil, nur sollte man dabei nicht den Figuren die Türe vor der Nase zuhauen und sie alleine draußen stehen lassen. In den kleinen Raum der Schreinerei hat Stéphane Laimé drei aschgraue Quader gebaut und ein Podest, auf dem der Familientisch thront. Da sitzen sie nun und glotzen, Vater, Mutter, Kurt und Olga, während im Hintergrund Olgas Freund Paul kauert, der Helmträger und Eindringling. Der Papa, das ist klar, wenn man Oliver Nägele so im orange flammenden Pulli hocken sieht, das ist ein stoffeliger Turnschuhträger, ratlos bis zur Selbstaufgabe, ein Wurm, der nicht mal Männerrituale richtig beherrscht. Und auch Mutti ist ganz Durchschnitt, eine mißmutige Hausfrau, der Franziska Walser in rotem Ledermini und hochhackigen Goldschuhen (Kostüme Kathrin Plath) etwas schäbigen Sex-Appeal zu geben versucht. Bleiben also die Kinder, die pausbäckige Olga, die bei Anna Schudt ein struppiges Püppchen ist in silber glimmendem Kleid und einer Unterhose, auf der steht „Samstag“. Und schließlich Kurt: Jens Harzer in langen türkisen Unterhosen und einem engen Ringelrolli, ein Pubertätsjüngelchen, der spricht, als käme es von sehr weit weg, der ganz matte Augen hat, hinter denen aber doch das Feuer lodert. Asche auf unserer Haut Mit Blut, Fruchtwasser und ein wenig Sperma geht es los, Kurts Weg zurück in den Mutterleib, an dessen Ende er seine Eltern mit dem Hammer erschlagen und sich selbst verbrannt haben wird: „Alles wird dereinst zu Feuer“. An seine Geburt glaubt er sich zu erinnern, aber auch den Rest des Weges kennt er schon – der ist eigentlich schon tot und verkohlt, bevor er sich sein Feuergesicht holt, als er im Klassenzimmer den Vorhang abfackelt: „Zuerst atme ich tief den grünen Qualm hinunter, und ich merk, wies mit meiner Haut zusammenschmilzt.“ Mayenburg schreibt klar und präzise, er schreibt Sätze wie jenen, den Kurt seiner Mutter im Badezimmer an den Kopf wirft: „Dir genügt es nicht, daß du meine Mutter bist, du mußt auch noch eine Frau sein.“ Und bei der Lektüre seines Textes denkt man, daß es ihm in seinen Miniaturen gelingt, so viel anzudeuten wie auszusparen, daß sich eine Geschichte erzählen läßt, bei der nicht alles gesagt wird – wenn Jens Harzers Augen in seinem mit Brandsalbe verschmierten Gesicht glimmen, dann funktioniert das auch für einen kurzen Augenblick. Doch selbst der mit großer Virtuosität verbreitete Wahnsinn Harzers wirkt seltsam hohl in einer Inszenierung, der vor allem eines nicht gelingt: Beziehungen zwischen den Figuren herzustellen. Da scheint sich Franziska Walser, die die recht oft wie eine übel gelaunte Schaufensterpuppe ins Publikum starrt, meist zu wundern, was für Sätze ihr aus dem Mund purzeln, da zeigt Oliver Nägele die Comicfigur von einem Vater, da staksen Jens Harzer und Anna Schudt wie von fremden Kräften gesteuert über die Bühne – zu oft wirken sie dabei wie von der Hand des Regisseurs bewegt. Vorsichtig und tastend ist Jan Bosse an seine erste Kammerspiel-Inszenierung herangegangen, hat dem Text von Mayenburg sehr vertraut und dabei wenig eigene szenische Phantasie entwickelt, hat auf Stilisierung gesetzt und ist dabei auf halbem Weg im undankbaren Niemandsland steckengeblieben. Aber spätestens wenn Thomas Ostermeier das Stück in Hamburg inszeniert, wird sich wohl zeigen, was in dem Text noch steckt. In München hoppeln die beiden Horrorkinder derweil im plüschigen Hasenkostüm der Auslöschung entgegen, Olga, die nicht so werden will wie die Frauen, die ihr auf der Straße begegnen, und Kurt, dessen Triebkraft von viel dunkleren Orten her kommt. GEORG DIEZ Süddeutsche Zeitung, vom 12.10.1998 Marius von Mayenburg
Marius von Mayenburg, geboren 1972 in München, studierte unter anderem bei Yaak Karsunke und Tankred Dorst Szenisches Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin. Sein Stück "Feuergesicht", für das er den Kleistförderpreis für junge Dramatiker sowie den Preis der Frankfurter Autoren-stiftung erhielt, wurde 1998 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Es folgten Inszenierungen in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern. "Feuergesicht" ist in der Hamburger Inszenierung von Thomas Ostermeier fest in den Spielplan der Schaubühne übernommen worden. Marius von Mayenburgs neues Stück "Parasiten" ist ebenfalls eine Koproduktion mit dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, welches seine Berliner Premiere im Oktober 2000 an der Schaubühne am Lehniner Platz hatte. Ebenfalls in der Regie von Thomas Ostermeier. Marius von Mayenburg arbeitet seit 1999 bei uns als Autor und Dramaturg. Darüber hinaus hat er gemeinsam mit Wulf Twiehaus die deutschsprachige Erstaufführung von David Gieselmanns "Herr Kolpert" im Dezember 2000 an unserem Haus inszeniert. /Schaubühne
|