Drama der Moderne
 
 

 Wie Goethe in Istanbul Atatürk Enkel schenkt

Atatürk hatte der ganzen Türkei den Aufbruch in die Moderne verordnet. Die türkische Kulturpolitik hat sich aber immer schwergetan mit diesem Aufruf. Für viele Türken bedeutet Kultur noch immer Folklore. Zu ihrem Repertoire gehören die Volkstänze Anatoliens, die melancholischen Weisen der Schilfrohrflöte Ney, das Schwitzbad Hammam, die osmanische Küche. Der Gouverneur der Provinz Antalya warnte jüngst sogar vor der Aufführung des Bauchtanzes. Denn der sei kein Teil der türkischen Kultur, belehrte der kundige Bürokrat und stolze Nationalist seine Landsleute.

Atatürk hatte hingegen mehr im Sinn als die Bewahrung der türkischen Folklore. Er hatte sein Land auf die Höhe der westlichen Zivilisation führen wollen. Zum Schlüsselbegriff seiner Kulturpolitik hatte er die Formel "zeitgenössische Zivilisation" bestimmt, "çagdas medeniyet". Sie setzte er mit dem Westen gleich. Nach seinem frühen Tod verlor die Türkei diese Vision indes aus den Augen. Politisch schottete sich die Republik lange von der Außenwelt ab und kulturpolitisch noch viel länger.

Anstöße zu einer Öffnung und einer Integration der Türkei in das internationale Kulturleben hat es immer wieder gegeben. Ein wichtiger Impuls sind die Istanbuler Sommerfestivals, ein anderer die ausländischen Kulturinstitute. Beide arbeiten Hand in Hand, zum Beispiel beim modernen Tanztheater. Lange hatte es in der Türkei als anstößig gegolten, entwickeln konnte es sich daher nicht.

Die Entstehung des modernen Tanztheaters der Türkei ist mit keinem geringeren Namen als dem von Pina Bausch verknüpft. Erstmals gastierte sie 1998 mit ihrem Tanztheater Wuppertal und der Choreographie "Die Fensterputzer" beim Theaterfestival am Bosporus. Zwei Jahre später kehrte sie mit ihrer Lissabonner Produktion "Masurca Fogo" zurück, und von diesem August an erarbeitet sie am Bosporus eine "Istanbul-Produktion". Sie soll im kommenden Jahr beim Istanbuler Theaterfestival uraufgeführt werden, dann auf Tournee gehen und einer der Höhepunkte des Kulturprogramms der Olympischen Spiele in Athen sein.

Das Istanbuler Goethe-Institut hatte an den Gastspielen von Pina Bausch jeweils einen entscheidenden Anteil, und in diesem Jahr brachte es als Höhepunkt des Theaterfestivals die folgende deutsche Tanzgeneration nach Istanbul: Sasha Waltz mit ihrer Choreographie "Körper". Es blieb nicht bei diesen Aufführungen. Denn in den Vorjahren hat Pina Bausch über das Goethe-Institut zusätzlich Workshops für modernes Tanztheater angeboten; in diesem Jahr taten es Tänzer der Berliner Schaubühne.

Der türkische Tanz löst sich damit allmählich vom klassischen Ballett, und ein modernes Tanztheater beginnt sich zu entwickeln. Die staatliche Kunsthochschule Mimar Sinan in Istanbul lehrt seit jüngstem in ihrer Abteilung Tanz auch die Tanzimprovisation. Sie greift dabei auf deutsche Künstler zurück, die ihr das Goethe-Institut vermittelt. Zu Jahresbeginn hatte der Choreograph Martin Sonderkamp in einem sechs Wochen dauernden Workshop mit den Studenten zwei Stücke des zeitgenössischen, experimentellen Tanzes erarbeitet. Gezeigt wurden sie in Istanbul und Ankara. Jetzt will die Hochschule Sonderkamp an sich binden.

Die Türkei entdeckt nicht nur modernes deutsches Tanztheater, sondern auch zeitgenössische deutsche Autoren. Deutsche Dramatik werde in der Türkei weitgehend mit Bertolt Brecht gleichgesetzt, sagt Rüdiger Bolz, der Leiter des Goethe-Instituts. Daß sich diese Wahrnehmung zu ändern beginnt, daran hat er einen entscheidenden Anteil. Denn im vergangenen Jahr hat das Goethe-Institut drei jungen türkischen Dramaturgen längere Aufenthalte in Deutschland ermöglicht. Danach förderte es die Übersetzung von fünf preisgekrönten Stücken junger deutscher Dramatiker ins Türkische, und diese wurden im ersten Halbjahr 2002 in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Istanbul einem Fachpublikum in szenischen Lesungen vorgestellt. Dramaturgen kamen, Schauspieler und sogar einige Regisseure staatlicher Bühnen.

Die Schaubühne als Import

Sibel Yesilay war die erste, die mit Hilfe des Goethe-Instituts aus Anlaß des Berliner Theatertreffens einen Monat lang erkunden konnte, was Avantgardebühnen spielen. Dort habe sie beim Forum junger Bühnenangehöriger Neues gesehen und sich mit Theaterleuten aus vielen Ländern ausgetauscht, erzählt sie. Die Übersetzerin und Dramaturgin gilt in der Türkei nun als die Expertin für deutsches Theater.

Nach ihrer Rückkehr aus Berlin übersetzte sie fünf junge deutsche Dramatiker, "Du sollst mir Enkel schenken" von Thomas Jonigk war darunter und "Vor langer Zeit im Mai" von Roland Schimmelpfennig. Übersetzt habe sie die Stücke, um zu zeigen, daß nicht alle deutschen Dramatiker zu intellektuell seien, daß deutsches Theater auch unterhaltsam sein könne. Denn mit dem modernen Theater tue sich die Türkei weiter schwer. Das Publikum sei an Theaterstücke in Umgangssprache und mit viel Handlung gewöhnt und wolle keine komplizierten Texte. Die Schriftsteller und Regisseure, meist engagierte Linke, suchten in den Stücken stets eine politische Botschaft und eine klare dramaturgische Linie, klagt Sibel Yesilay. Und die Schauspieler könnten Rollen mit nur wenig Text nichts abgewinnen.

Die fünf Stücke rühren an gesellschaftlichen Tabus der Türkei und bedienen sich teilweise einer freizügigen Sprache. Sie seien daher ungewöhnlich für türkische Bühnen, stellt Bolz fest. Überraschend groß und positiv war indes das Medienecho auf die szenischen Lesungen. Auch haben Theater in Bursa und Izmir bereits angekündigt, in der kommenden Saison "Du sollst mir Enkel schenken" auf ihre Bühnen zu bringen. Ebenfalls will das Istanbuler "Tiyatro Kare" das Stück spielen. Dieses ist eine von mehr als zwölf privaten Bühnen Istanbuls, die der türkische Staat so gut wie nicht unterstützt.  Zudem will sich eine Regisseurin der staatlichen Bühnen dafür einsetzen, daß ein staatliches Theater das Stück von Schimmelpfennig aufführt.

Rollende Müller-Steine

Erschienen sind die Übersetzungen im noch jungen Istanbuler Theaterverlag Mitos Boyut. Er bringt auch die Stücke der jungen türkischen Dramatiker heraus. Die bekanntesten von ihnen sind Özen Yula und Murathan Mungan, deren Stücke "Mondverwirrung" und "Fluch der Hirsche" auch in Deutschland gespielt werden. Die jungen Dramatiker haben es jedoch schwer, erläutert Yesilay. Denn das Repertoiresystem der subventionierten staatlichen Theaters spiele so gut wie keine Stücke jüngerer Autoren. Jeder Kulturminister besetze den Posten des Generalintendanten neu, und der lege zentral für die gesamte Türkei die Spielpläne aller sechzehn staatlichen Bühnen fest. Dabei stützt er sich auf die Empfehlungen der Repertoirekommission, in der überwiegend ältere Dramatiker sitzen.

Was sie ablehnen, wie eine Bernhard-Übersetzung von Yesilay, hat keine Chancen mehr, gespielt zu werden. Jetzt will sie Heiner Müllers "Quartett" ins Türkische übersetzen. Heiner Müllers "Auftrag" hat Yesilay bereits übersetzt, und Paul Plamper, ein Assistent Müllers, hat das Stück in der Türkei inszeniert. "Obwohl es für das türkische Publikum schwierig ist", sagt die Dramaturgin, die seit dreizehn Jahren am Theater des Istanbuler Stadtteils Bakirköy arbeitet.

Rüdiger Bolz freut sich, daß das Goethe-Institut viele Steine ins Rollen gebracht hat. Dabei hat er in der Türkei mit ihrer säkularen Republik und muslimischen Bevölkerung noch eine andere Perspektive im Auge. In dem vielbeschworenen Dialog zwischen Kulturen und mit dem Islam müsse man neben dem Wort und dem intellektuellen Diskurs verstärkt auf die Kunst setzen, fordert er. Oft könne ein wirklicher Dialog nicht entstehen, weil die eine Seite in Angriffshaltung stehe und sich die andere in die Defensive gedrängt fühle. "Zumindest in der Türkei sind die Künste, sind Theater, Musik, Film und bildende Kunst die wirksamsten und mächtigsten kulturellen Verständigungsmittel", hält Bolz fest. Seine Arbeit in Istanbul ist dafür ein gutes Beispiel.

  

RAINER HERMANN
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2002

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