Katzelmacher

 

von Rainer Werner Fassbinder

 

 Volksstück von Rainer Werner Fassbinder, Uraufführung: München, 7. 4. 1968, Action-Theater. - Das Marieluise Fleisser gewidmete Stück weist thematische Parallelen zu Martin Sperrs Jagdszenen aus Niederbayern (1966) auf. Wie in Sperrs »sozialkritischem Volksstück in sechzehn Szenen«, so der Untertitel, geht es auch in Katzelmacher um Fremdenhaß und um Verfolgung eines Außenseiters durch die Jugendlichen einer dumpfen und bornierten Dorfgemeinschaft in der bayerischen Provinz. Der griechische Gastarbeiter Jorgos wird von der jungen, dynamischen Wundertüten-Fabrikantin Elisabeth als billige Arbeitskraft angeworben. Die von Langeweile geplagten Jugendlichen des Dorfes zeigen sich von dem Fremden irritiert und behandeln ihn voller Vorurteile und Mißtrauen. Ihr eigenes trübes Dasein kompensieren sie durch billiges Amüsement in der nahegelegenen Großstadt, ihr gegenseitiger Umgang ist von Gleichgültigkeit und latenter Brutalität gekennzeichnet; die eigenen Versagensängste und ihre Hoffnungslosigkeit projizieren sie auf den Griechen. Auch die Mädchen flüchten sich angesichts der dörflichen Tristesse in Wunschphantasien: Ingrid träumt davon, eines Tages ein gefeierter Gesangsstar zu werden; Marie hat sich in Jorgos verliebt und wünscht sich, mit ihm nach Griechenland zu gehen; während die häßliche Gunda, von Jorgos zurückgewiesen, den Griechen verleumdet. Neid und Mißgunst eskalieren zu Haß und Gewalt; die Unternehmerin Elisabeth erscheint in der Phantasie der Jugendlichen als Geliebte von Jorgos, der als »Katzelmacher« oder - im Jargon der Nazizeit - als »Fremdarbeiter« bezeichnet wird. Nach dem Vorbild der städtischen Rockerbanden bilden die Jugendlichen eine »Gang« (»Und jeder muß einen Schlagring haben. Mit dem in der Tasche ist es ein ganz anderes Gefühl . . .«), bis es schließlich zu einer Schlägerei kommt, bei der Jorgos das Opfer ist. Fassbinder blockiert allerdings die Identifikation des Zuschauers mit Jorgos. In der Schlußszene des Stücks reagiert dieser ähnlich wie die deutschen Dorfbewohner, als ihm die Unternehmerin ankündigt, sie werde einen Türken einstellen: »Turkisch nix . . . Jorgos gehen andere Stadt.« Mit der gehässigen Ablehnung durch die Einheimischen kommt er besser zurecht als mit der Vorstellung, in Zukunft mit einem Kollegen arbeiten zu müssen, der aus einem von ihm verachteten Land stammt. Wie meist in seinen Theaterstücken und Filmen entwirft Fassbinder auch hier keine analytische Sozialstudie, sondern zum Teil melodramatische, elegische Stimmungsbilder, die in ihrem verfremdeten Charakter aber nicht weniger genau Abbilder der vorgefundenen sozialen Realität sind. Ein Jahr nach der Uraufführung des Theaterstücks ließ Fassbinder den gleichnamigen Film folgen, der aber im Münchner Vorstadtmilieu spielt.

Rüdiger Dingemann M.A.

Kindlers neues Literaturlexikon

 

Rainer Werner Fassbinder

 

geboren am 31. Mai 1945 in Bad Wörishofen. Er wächst nach der Scheidung seiner Eltern bei der Mutter in München auf. Ab Herbst 1963 Schauspielunterricht. 1966 vergebliche Bewerbung um einen Studienplatz an der neu gegründeten Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. 1966/67 Debüt als Regisseur, Autor und Darsteller seiner ersten Kurzfilme. Mitte 1967 stieß Fassbinder zur Gruppe des "action-theaters" in München – erst als Schauspieler, später als Regisseur und Autor. 1968 erstes Bühnenstück: Katzelmacher. Nach Auflösung des Action-Theatres im Juni 1968 gründen zehn Mitglieder der alten Gruppe das "antitheater", das zum Ausgangspunkt der späteren "Fassbinder-Familie" werden sollte, u.a. Hanna Schygulla, Peer Raben und Kurt Raab.

Im April 1969 dreht das Team den ersten Spielfilm: Liebe ist kälter als der Tod. Mit Katzelmacher, nach seinem Theaterstück und seine zweite Regiearbeit, gelingt ihm der künstlerische Durchbruch. 1971 Gründungsmitglied des Filmverlags der Autoren. Er erhält zahlreiche Auszeichnungen und wird von den Medien als "Wunderkind des deutschen Films" gefeiert Vor allem erregt seine erstaunliche Produktivität Bewunderung: In einem wahren Schaffensrausch hat Fassbinder von 1969 bis1982, neben seiner umfangreichen Theater- und Rundfunkarbeit, 40 Filme für Kino und Fernsehen, u.a. die 14teilige Fernsehserie Berlin Alexanderplatz, gedreht. Er erhielt 6 Bundesfilmpreise und 1981 für Die Sehnsucht der Veronika Voss den Goldenen Bären in Berlin.

Rainer Werner Fassbinder starb am 10. Juni 1982 in München.

 

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